Fidenae
Quellen
Sueton, Tiberius XL 2.
Tacitus, ann. IV 62-63:
(62) M. Licinio L. Calpurnio consulibus ingentium bellorum cladem aequavit malum improvisum: eius initium simul et finis extitit. nam coepto apud Fidenam amphitheatro Atilius quidam libertini generis, quo spectaculum gladiatorum celebraret, neque fundamenta per solidum subdidit neque firmis nexibus ligneam compagem superstruxit, ut qui non abundantia pecuniae nec municipali ambitione sed in sordidam mercedem id negotium quaesivisset.
Adfluxere avidi talium, imperitante Tiberio procul voluptatibus habiti, virile ac muliebre secus, omnis aetas, ob propinquitatem loci effusius; unde gravior pestis fuit, conferta mole, dein convulsa, dum ruit intus aut in exteriora effunditur immensamque vim mortalium, spectaculo intentos aut qui circum adstabant, praeceps trahit atque operit. Et illi quidem quos principium stragis in mortem adflixerat, ut tali sorte, cruciatum effugere: miserandi magis quos abrupta parte corporis nondum vita deseruerat; qui per diem visu, per noctem ululatibus et gemitu coniuges aut liberos noscebant. Iam ceteri fama exciti, hic fratrem, propinquum ille, alius parentes lamentari. Etiam quorum diversa de causa amici aut necessarii aberant, pavere tamen; nequedum comperto quos illa vis perculisset, latior ex incerto metus.
„Unter dem Konsulat des
Marcus Licinius und des
Lucius Calpurnius ereignete sich überraschend ein Unglück, das der Niederlage in einem gewaltigen Krieg zu vergleichen war: Sein Anfang und sein Ende fiel in eins zusammen. Ein gewisser Atilius, seines Standes ein Freigelassener, hattes in Fidenae den Bau eines Amphitheaters begonnen, um dort Gladiatorenspiele zu veranstalten. Er führte den Bau weder auf festen Fundamenten aus, noch versah er das Holzgerüst des Oberbaus mit festen Klammern, weil er sich um den Bau nicht mit der nötigen Ausstattung von Geld und auch nicht, um bei seinen Mitbürgern Ehre einzustreichen bworben hatte, sondern aus reiner Gewinnsucht.
Das schaulustige Publikum strömte in Massen herbei - die Menschen wurden ja unter der Regierung des
Tiberius sonst von Volksbelustigungen ferngehalten -, Männer und Frauen jeden Alters, und die kurze Entfernung von Rom vermehrte noch den Zuschauerstrom. Umso schwerer war das Unglück: Weil die Menge der Menschen sich zusammendrängte, ging der Bau aus den Fugen, brach nach innen zusammen und stürzte nach außen, riss das zahllose Volk, welches dem Schauspiel aufmerksam zusah oder auch ringsherum außen stand, in die Tiefe und begrub es unter den Trümmern.
Wer bei dem Einsturz gleich den Tod gefunden hatte, der entging wenigstens, so schlimm auch sein Schicksal war, den Qualen. Mehr zu bedauern waren diejenigen, die mit verstümmelten Gliedmaßen noch am Leben waren und bei Tag ihre Frauen und Kinder erblicken und bei Nachtan ihrem Geheul und ihrem Stöhnen sie erkennen konnten. Schon waren auf die Nachricht von dem Unglück auch sonst Leute herbeigeeilt. Der eine jammerte um seinen Bruder, der andere um einen Verwandten oder um seine Eltern. Auch der, dessen Freunde und Angehörigen aus ganz anderem Grunde das Haus verlassen hatten, schwebte in Angst, und solange man nicht genau wußte, wen das Unglück getroffen hatte, griff die Furcht infolge dieser Ungewissheit noch weiter um sich.”
(63) Ut coepere dimoveri obruta, concursus ad exanimos complectentium, osculantium; et saepe certamen si con fusior facies sed par forma aut aetas errorem adgnoscentibus fecerat. Quinquaginta hominum milia eo casu debilitata vel obtrita sunt; cautumque in posterum senatus consulto ne quis gladiatorium munus ederet cui minor quadringentorum milium res neve amphitheatrum imponeretur nisi solo firmitatis spectatae. Atilius in exilium actus est.
„Als man begann, den Schutt wegzuräumen, lief alles zu den Toten, umarmte und küsste sie. Oft kam es zu einer Auseinandersetzung, wenn das Gesicht ziemlich entstellt war, aber die Gleichheit von Gestalt oder Alter beim Identifizieren zu Irrtümern geführt hatte. 50.000 Menschen sind bei diesem Unglück verstümmelt oder erschlagen worden. Für die Zukunft wurde durch einen Senatsbeschluss Vorsorge getroffen, dass niemand ein Gladiatorenspiel veranstalten dürfe, dessen Vermögen nicht mindestens 400.000 Sesterzen betrage, ferner, dass kein Amphitheater erbaut werden dürfe, bevor der Baugrund auf seine Festigkeit gerüft sei. Atilius wurde ins Exil geschickt.” (Übers. nach Walther Sontheimer)
Lit.: E. Köhne, Brot und Spiele, in: E. Köhne - C. Ewigleben (Hrsg.), Caesaren und Gladiatoren. Die Macht der Unterhaltung im antiken Rom, Begleitbuch zur Ausstellung Historisches Museum der Pfalz Speyer, 9. Juli bis 1. Oktober 2000 (Mainz 2000) 27 f.; G. Tosi, Gli edifici per spettacoli nell'Italia romana (Rom 2003) 67.
