Prudentius gilt als der bedeutendste christliche Dichter der Antike. Im Zusammenhng mit dem römischen Spielewesen ist seine Schrift contra Symmachum am bedeutendsten, in welcher er sich gegen die Bitte des
Symmachus wendete, den Altar der Victoria wieder in der römischen Curia aufstellen zu dürfen. Geboren wurde er 348 n.Chr. in der Provinz Hispania Tarraconensis. Er wurde in Jura und Rhetorik ausgebildet. Nach seiner Tätigkeit als Anwalt wurde er Statthalter (praeses) der Provinz Hispania Tarraconensis. Nach dessen Ausübung erhielt er den Rang eines
vir spectabilis und durfte an den Sitzungen des Senats in Rom teilnehmen. Wenig später wurde er Statthalter einer zweiten Provinz, möglicherweise von Lusitania mit Sitz in
Emerita Augusta - Mérida. In Anerkennung seiner Leistungen wurde er später an den damals in Mailand residierenden Hof von Kaiser
Honorius berufen. Nach 405 verstarb er als Asket in seiner Heimatprovinz der Tarraconensis.
Prudentius, contra Symmachum I 380-393.
Prudentius, contra Symmachum II 786.
Prudentius, contra Symmachum II 1092-1130.
Literatur
Prudentius, contra Symmachum I 380-393:
respice terrifici scelerata sacraria Ditis, 380
cui cadit infausta fusus gladiator
harena,
heu, male lustratae Phlegethontia victima Romae!
nam quid vesani sibi vult ars inpia ludi?
quid mortes iuvenum? quid sanguine pasta voluptas?
quid pulvis caveae semper funebris, et illa 385
amphitheatralis spectacula tristia
pompae?
nempe
Charon iugulis miserorum se duce dignas
accipit inferias placatus crimine sacro,
hae sunt deliciae Iovis infernalis, in istis
arbiter obscuri placidus requiescit Averni. 390
nonne pudet regem populum sceptrisque potentem
talia pro patriae censere litanda salute,
religionis opem subternis poscere ab antris?
„Blick auf die ruchlosen Weihestätten entsetzlichen Plutos; / hingestreckt fällt ihm der Gladiator auf düsterer
Sandbahn, / weh, des schrecklich entsühnten Roms phlegetonisches Opfer! / Was nämlich soll die gottlose Kunst des rasenden Kampfspiels, / was der Tod junger Männer, das blutgenährte Vergnügen, / was der immer Leichen tragende Staub des Theaters, / auch jener traurige Anblick amphitheatralischen
Pompes? / Freilich erhält mit den Kehlen der Elenden
Charon die Opfer, / die seine Führung verdienen; heilige Untat versöhnt ihn. / Das sind Unterwelt-Jupiters Freuden, es findet der Herrscher / dunklen Avernus da unten gnädig darin seine Ruhe. / Schämt sich ein herrschendes und auch zeptergewaltiges Volk nicht, / glaubend, es müsse so etwas opfern zum Wohle der Heimat / und religiösen Beistand verlangen aus Höhlen des Abgrunds? / Wehe, es ruft zu den Qualen den Helfer beim Abschlachten aus der / finsteren Wohnstatt und schenkt ihm prächtige menschliche Leichen.” (Übers. nach Wolfgang Fels)
Prudentius, contra Symmachum II 786.
Prudentius, contra Symmachum II 1092-1130:
inde ad consessum caveae pudor almus et expers
sanguinis it pietas hominum visura cruentos
congressus mortesque et vulnera vendita pastu
spectatura sacris oculis, sedet illa verendis 1095
vittarum insignis phaleris fruiturque
lanistis.
o tenerum mitemque animum! consurgit ad ictus
et, quotiens victor ferrum iugulo inserit, illa
delicias ait esse suas, pectusque iacentis
virgo modesta iubet converso
pollice rumpi, 1100
ne lateat pars ulla animae vitalibus imis,
altius inpresso dum palpitat ense
secutor.
„Dann zieht die heilige Keuschheit und Frommheit die gar nichts zu tun hat / jemals mit Blut, zu der Menge im Amphitheater, zu sehen / blutige Kämpfe und sterbende Menschen, für Essen erkaufte / Wunden zu schauen mit heiligen Augen. Sie sitzt, am erhabnen / Schmuck der Kopfbinde kenntlich, und freut sich der Trainermethoden. / Oh, welch zartes, friedliches Herz! Sie erhebt sich bei Hieben / und sooft der Sieger das Eisen stößt in die Kehle, / nennt sie ihn Liebling und heißt die Brust des Fechters, der da liegt, / spalte - die ehrbare Jungfrau, '
mit Daumen nach unten' dass gar kein / bißchen Leben sich mehr verberge ganz innen im Leibe, / während der
Fechter nach tiefer gestoßenem Schwert kaum noch aufzuckt.”
Kommentar: Die Beschreibung der emotionalen Reaktion der Vestalinnen beim Töten der unterlegenen Gladiatoren unterstellt ein geradezu lustvoll-erotisches Sich-Erfreuen am blutigen Abschlachten. Zumindest war die erotische Anziehungskraft der Gladiatoren geradezu ein Topos in der Literatur und spiegelt sich bereits in einigen Graffiti Pompejis (
CIL IV 4342;
4345; 4353; u.a.)
hoc illud meritum est, quod continuare feruntur
excubias Latii pro maiestate Palati,
quod redimunt vitam populi procerumque salutem, 1105
perfundunt quia colla comis bene vel bene cingunt
tempora taeniolis et licia crinibus addunt,
et quia subter humum lustrales testibus umbris
in flammam iugulant pecudes et murmura miscent?
an quoniam podii meliore in parte sedentes 1110
spectant aeratam faciem quam crebra
tridenti
inpacto quatiant hastilia, saucius et quam
vulneribus patulis partem perfundat
harenae
cum fugit, et quanto vestigia sanguine signet?
„Das ist jenes Verdienst, dass sie andauernd Wache halten / sollen für römischen Palatinhügels herrliche Größe, / dass sie das Leben des Volkes erlangen, das Wohl seiner Edlen, / weil sie den Hals hübsch mit Haar überschütten oder hübsch auch die Schläfen / mit ihrem Kopfband umgeben und Haare mit Bändern verflechten / und weil sie unter der Erde im Beisein von Schatten zur Sühne / Schafe am Brandaltar schlachten und dabei Gebetsformeln murmeln? / Oder dass sie im bessren Teil der Balkonloge sitzen / und auf Gepanzerte schauen, wie häufig die Schäfte, gestoßen / mit dem
Dreizack, zuschlagen und der Verletzte mit seinen / klaffenden Wunden bespritzt einen Teil der
Arena, sowie er / flieht, und mit wieviel Blut er die Spur seiner Fußsohlen anzeigt?”
quod genus ut sceleris iam nesciat aurea Roma, 1115
te precor, Ausonii dux augustissime regni,
et tam triste sacrum iubeas, ut cetera, tolli.
perspice, nonne vacat meriti locus iste paterni,
quem tibi supplendum Deus et genitoris amica
servavit pietas? solus ne praemia tantae 1120
virtutis caperet, ‘partem tibi, nate, reservo’
dixit, et integrum decus intactumque reliquit.
adripe dilatam tua, dux, in tempora famam,
quodque patri superest, successor laudis habeto.
ille urbem vetuit taurorum sanguine tingui: 1125
tu mortes miserorum hominum prohibeto litari.
nullus in urbe cadat, cuius sit poena voluptas,
nec sua virginitas oblectet caedibus ora.
iam solis contenta feris infamis
harena
nulla cruentatis homicidia ludat in armis.
„Dass das goldene Rom diese Art von Verbrechen jetzt abschafft, / bitte ich dich, erhabenster Lenker ausonischen Reiches, / dass du befiehlst, solch traurigen Ritus wie andre zu tilgen. / Schau, ob nicht dieser Platz der Verdienste des Vaters noch frei ist, / welchen dir Gott zur Ergänzung aufgespart hat und des Vaters / freundliche Güte? Um nicht allein die Belohnung für solche / Tatkraft zu kriegen, 'Spar ich für dich , Sohn, auf einen Anteil', / sprach er, und ließ diese Ehre zurück, unerledigt. / Greif nach dem auf deine Zeit aufgeschobenen Nimbus, / und was an Ruhm dem Vater entging, der Nachfolger ernt' ihn! / Jener verbot, die Stadt mit dem Blute von Stieren zu tränken, / du, verhindere jetzt den Tod armer Menschen als Opfer! / Niemand erleide den Tod in der Stadt, gequält zum Vergnügen, / und von den Jungfraun weide keine ihr Antlitz am Metzeln. / Jetzt betreib die verrufne
Arena , zufrieden mit wilden / Tieren allein, keinen Menschenmord mehr mit blutigen Waffen.”
Literatur
RE XXIII (Stuttgart 1957) 1039-1071 s.v. Prudentius Nr. 2 (Alfons Kurfeß)
Prudentius. Contra Symmachum. Gegen Symmachus. Lateinisch-deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Hermann Tränkle (Turnhout 2008)
Prudentius. Das Gesamtwerk. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Wolfgang Fels, Bibliothek der mittellateinischen Literatur, 9 (Stuttgart 2011)
Christian Gnilka, Contra orationem Symmachi, Eine kritische Revue (Münster 2017)
Paula Hershkowitz, Prudentius, Spain, and Late Antique Christianity. Poetry, Visual Culture, and the Cult of Martyrs (Cambridge 2017)
Thea Kraus, Prudentius’ Contra Symmachum, Vergil und Rom. Ein historisch-philologischer Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Christen und Heiden am Ende des 4. Jh. n. Chr. (Wiesbaden 2022)
Lydia Krollpfeifer, Rom bei Prudentius. Dichtung und Weltanschauung in »Contra orationem Symmachi«, Vertumnus. Berliner Beiträge zur Klassischen Philologie und zu ihren Nachbargebieten, 12 (Göttingen 2017)
weblinks:
