Ammianus Marcellinus XXVIII

 

28 Nunc ad otiosam plebem veniamus et desidem. [...]

28 Jetzt will ich zur müßigen und faulen Plebs kommen. ...

29 hi omne, quod vivunt, vino et tesseris impendunt et lustris et voluptatibus et spectaculis eisque templum et habitaculum et contio et cupitorum spes omnis Circus est Maximus; et videre licet per fora et compita et plateas et conventicula circulos multos collectos in se controversis iurgiis ferri aliis aliud, ut fit, defendentibus.

29 Ihr ganzes Leben widmen sie dem Wein, den Würfeln, den Bordellen, Vergnügungen und Schauspielen. Der Circus Maximus ist ihnen Tempel und Wohnung, Versammlungsort und Ziel aller Wünsche. In ganzen Trupps kann man sie auf den Plätzen, an den Straßenkreuzungen, in den Gassen und an anderen Treffpunkten sehen, wie sie miteinander streiten, wobei wie gewöhnlich der eine für dies, der andere für jenes Partei nimmt.

30inter quos hi, qui ad satietatem vixerunt, potiores auctoritate longaeva per canos et rugas clamitant saepe rem publicam stare non posse, si futura concertatione, quem quisque vindicat, carceribus non exsiluerit princeps et inominalibus equis parum cohaerenter circumflexerit metam.

30 Darunter lärmen die, die schon am Ende des Lebens stehen und durch ihr Alter an Ansehen überlegen sind, unter Hinweis auf ihre grauen Haare und Runzeln, der Staat könne keinen Bestand haben, wenn beim nächsten Wettkampf nicht der, dem die Vorliebe aller gilt, als erster aus den Startschranken hervorspringe, sondern mit unseligen Pferden zu wenig nahe die Wendemarke umfahre.

31 et ubi neglegentiae tanta est caries, exoptato die equestrium ludorum illucescente nondum solis puro iubare fusius omnes festinant praecipites, ut velocitate currus ipsos anteeant certaturos; super quorum eventu discissis votorum studiis anxii plurimi agunt pervigiles noctes.

31 Wo die Fäulnis der Nachlässigkeit schon so groß ist, eilen, sobald der ersehnte Tag der Pferderennen anbricht, noch ehe die Sonne hell scheint, alle wie wild durcheinander dahin, als ob sie den beteiligten Rennwagen selbst an Schnelligkeit zuvorkommen möchten. Mit unterschiedlichen Wünschen im Hinblick auf den Ausgang der Rennen bringen die meisten voller Unruhe die Nächte zu, ohne ein Auge zuzumachen.

32 Unde si ad theatralem ventum fuerit vilitatem, artifices scaenarii per sibilos exploduntur, si qui sibi aere humiliorem non conciliaverit plebem. qui si defuerit strepitus, ad imitationem Tauricae gentis peregrinos vociferantur pelli debere, quorum subsidiis semper nisi sunt ac steterunt, et taetris vocibus et absurdis; quae longe abhorrent a studiis et voluntate veteris illius plebis, cuius multa facete dicta memoria loquitur et venusta.

32 Wenn sie dann von dort aus zu einem billigen Theater kommen, werden die Schauspieler ausgepfiffen, falls sie sich die Gunst des niederen Volkes nicht durch Geld gewonnen haben. Bleibt dieses Lärmen einmal aus, schreien sie ähnlich wie das Volk der Taurier mit widerlichen und albernen Redensarten, die Fremden müssten vertrieben werden, und doch haben sie sich immer auf deren Hilfe gestützt und dadurch festen Halt gehabt. Dieses Benehmen steht in völligem Widerspruch zu den Bestrebungen und Wünschen der alten Plebs, von der man sich noch vieler geistreicher und hübscher Äußerungen erinnert.

33 sed enim nunc repertum est pro sonitu laudum impensiore, per applicatos homines ad plaudendum ut in omni spectaculo exodiario venatori aurigae et histrionum generi omni et iudicibus celsis itidemque minoribus nec non etiam matronis clametur assidue: ‚per te illi discant’; quid autem debeat disci, nemo sufficit explanare.

33 Jetzt ist man sogar darauf verfallen, Claqueure anzustellen, falls kein reichlicher Beifall gespendet wird: Bei jeder Vorstellung ruft man dem Mimen, Jäger, Rennfahrer, jedem beliebigen Schauspieler, ja sogar hohen und ebenso niederen Beamten, selbst den Matronen anhaltend zu: ‚Bei dir sollten die anderen Unterricht nehmen!’ Was man aber lernen sollte, weiß niemand zu sagen.